Was geschieht eigentlich beim Übersetzungslektorat?
Sabine Baumann © Barbara Neeb

Was geschieht eigentlich beim Übersetzungslektorat?

Werkstattbericht von Sabine Baumann, Cheflektorin bei Schöffling & Co., über die Zusammenarbeit mit Ulrich Blumenbach an seiner Übersetzung von Joshua Cohens monumentalem Roman Witz.

Wer übersetzt – eine entscheidende Frage

Am Anfang eines jeden Übersetzungslektorats steht, sobald der Verlag sich die Rechte an einem bestimmten Werk gesichert hat, die Auswahl des passenden Übersetzers oder der geeigneten Übersetzerin.

Bei Joshua Cohen und Schöffling & Co. fing alles 2012 mit den damals im Original aktuell erschienenen Vier neuen Nachrichten an, aber der unabhängige Frankfurter Literaturverlag, dessen Lektorat ich leite, hat sich neben diesen Erzählungen des jungen amerikanischen Autors auch gleich für das Gesamtwerk interessiert und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sämtliche vorher publizierten Romane und vor allem Witz ins Programm nehmen zu können.

Da es sich bei Witz nicht nur um einen besonders umfangreichen, sondern auch um einen besonders anspruchsvollen Roman handelt, fiel die Wahl unmittelbar auf Ulrich Blumenbach, der mit seiner Übersetzung von David Foster Wallace‘ Roman Unendlicher Spaß nicht nur Durchhaltevermögen und Rechercheakribie, sondern in erster Linie einen kreativen Umgang mit unterschiedlichsten Sprachregistern und Wortspielen bewiesen hat.
(Bild: ©Umschlagdesign Carnovsky)

Übersetzung will geplant sein

Bevor und während Ulrich Blumenbach mit der Übersetzung von Witz dann die Übersetzung in Angriff nahm, gab es mehrere Treffen, bei denen wir uns über seine Lebensplanung und den Arbeitszeitplan verständigten, denn natürlich braucht man beim Übersetzen auch einen finanziellen und zeitlichen Rahmen und hatte man beim Lektorat zu berücksichtigen, dass der Übersetzer auch andere Übersetzungsaufträge nebenher einschieben können musste.

Und der Titel?

Und natürlich haben wir uns auch über Inhaltliches verständigt: Was tun mit dem Titel? Im Englischen lautet er ebenfalls Witz, ist dort aber sofort als jiddisches Fremdwort erkennbar, was bei dem deutschen Wort für Scherz nicht der Fall ist. Dass das Wort zugleich ein Suffix für Sohn ist wie bei Namen der Form Abramowitz, Abrahams Sohn, erfährt man dann gleich zu Beginn des Romans, der sich um einen wahrhaft ungewöhnlichen Sohn dreht: Geboren an Weihnachten als jüngster Sohn des Ehepaars Israelien hat Ben zwölf Schwestern und entpuppt sich als eine Art langerwarteter Messias – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Denn das ist der Plot dieses wilden Buchs über das Judentum, in dem das Wort Jude oder jüdisch kein einziges Mal vorkommt: Nachdem alle Juden der Welt durch eine Seuche dahingerafft und die wenigen Überlebenden umgekommen sind, wollen alle andere anderen sich auf einmal deren Kultur und eben den vermeintlichen Messias aneignen, machen ihn zum Idol und – denn der Roman spielt ja in Amerika – zum Mittelpunkt einer großen Show, bis sich die Zeichen wieder umkehren und er zum Verfolgten wird. Während Ben auf seiner Flucht bei anderen Minderheiten der USA unterkommt, werden diejenigen, die beim Neojudentum nicht mitmachen wollen, ausgegrenzt und ebenfalls verfolgt. Der Holocaust wiederholt sich in der Verkitschung, und aus Auschwitz (eine weitere sprachliche Variante des Titels, nämlich hier als Ortsname) wird Wasimmerwitz, ein tödlicher Ort für Touristen.

Der lange Weg zum Text in Übersetzung und Lektorat

Bei einem Projekt dieser Größenordnung (am Ende waren es nahezu 1600 Normseiten) muss man natürlich in Etappen arbeiten und bekam der Übersetzer die Teilmanuskripte handschriftlich lektoriert zurück, um sie durchsehen, Fragen beantworten, Korrekturen prüfen und entweder annehmen oder verwerfen zu können. Die Kritik an einzelnen Erstlösungen und Zweitlösungen von mir führten dann oft zu gemeinsam erarbeiteten Dritt- und Viertlösungen. Am Ende wurden aus den so überarbeiteten 12 Einzeldateien ein lektoriertes Gesamtmanuskript wurde. In dieser Gesamtdatei betrachteten wir zusammen dann bestimmte Problemfälle, die der Text aufgeworfen hatte, noch einmal gewissermaßen am Stück.
(Foto Ulrich Blumenbach © Yvonne Böhler)

Wie überträgt man erfundene Begriffe treffend ins Deutsche?

Eine Besonderheit bei diesem Übersetzungsmarathon bestand darin, dass man für sich wiederholende Begriffe zum Beispiel zum Haus der Israeliens, für dessen Räume die Eltern jeweils unterschiedliche Namen haben, oder für erfundene Bezeichnungen derjenigen, die sich der neojüdischen Sekte anschließen, einheitliche und dennoch zu den verschiedenen Stellen passende deutsche Entsprechungen brauchte oder sich für erfundene, aber erkennbare Orte wie Palestein (deutsch dann Palästigma) oder Polyn (deutsch Polenland) etwas einfallen lassen musste. Der Übersetzer führte außerdem Listen zu jiddischen und hebräischen Begriffen, die im Original vorkamen und teilweise anders geschrieben werden mussten, um als solche erkennbar zu sein. So verwendet der Autor das Wort mensch, das im Deutschen zu Mentsch wurde, um die jiddische Abweichung erkennbar zu machen. Bei diesen Entscheidungen war der Übersetzer froh über die Rückmeldung vom Lektorat, ob die jeweilige Lösung auch in den unterschiedlichen Kontexten Bestand haben würde.

Übersetzer und Lektorat – ein ständiger Austausch

Auch die Ergebnisse seiner Recherchen und Rückfragen beim Autor (der aufgrund längerer Aufenthalte in Berlin und als Journalist in Osteuropa Deutsch spricht und ja generell ein Ohr für Sprachmusik hat) listete Ulrich Blumenbach auf, aber gelegentlich konnte auch beim Lektorieren die ein oder andere Stelle noch einmal anders erhellt werden. Da Joshua Cohen ein Autor ist, der mit Vorliebe Gelehrtes mit Albernem vermischt, Intellektuelles mit Komischem, Biblisches mit Frotzeleien, kann man beim Übersetzen leicht in Versuchung geraten, die eigenen Wortfunde aus dem Fremdwörterlexikon möglichst überall anzuwenden. Da das Englische aber stark vom Lateinischen geprägt ist, klingen viele Wörter alltäglicher und bekommen im Deutschen dann eine zu auffällige Markierung beziehungsweise lassen einen ohnehin schon vielschichtigen Text manchmal unnötig sperrig wirken. Hier haben wir uns aber im Austausch über einzelne Wörter und Sätze immer schnell geeinigt.

Für das allerletzte Kapitel – nach etlichen Kapiteln in unterschiedlichen Stilebenen und Registern: gerappt oder als altertümelndes Kochrezept, mit Showbusiness-Vokabular oder als ernsthafte, berührende Lebensgeschichte – war der Übersetzer noch einmal besonders gefordert. Es heißt Pointen und besteht aus solchen, abzüglich der dazugehörigen Witze. Denn was alles unter Witz zu verstehen ist (von Scherz über Sohn über die Orte jüdischen Lebens), daraus bestand ja der ganze Roman. Übersetzen kann man Pointen – wie Literatur überhaupt – aber nur, wenn man auch mitdenkt und versteht, was nicht gesagt und geschrieben steht, sondern worauf nur angespielt wird, was im Hintergrund mitschwingt wie hier alles Jüdische in seiner Verneinung und Verleugnung und Vernichtung. Und so hat Ulrich Blumenbach sich ein ganzes Regal voller Bücher mit jüdischen Witzen beschafft, um seine Übersetzung mit den passenden Pointen abzurunden.

Einen Übersetzer über sechs Jahre (denn so lange hat es gedauert) auf seiner Reise durch einen einzigen Text zu begleiten, hat man nicht alle Tage – dank Ulrich Blumenbachs souveräner Arbeit, die er im Übrigen auch in einigen Vorabpublikationen von Werkstattessays in literarischen Zeitschriften reflektiert hat (hier ein Link zum Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung), war es etwas ganz Besonderes und wird mir unvergesslich bleiben.

Sabine Baumann


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