Im Jahr seines zwanzigjährigen Bestehens führt das Übersetzerhaus Looren in der Schweiz derzeit eine Kampagne zum Thema Sichtbarmachung von Übersetzenden durch: Name the Translator.
Zum Weiterlesen zur Kampagne s. auch unser Blogbeitrag.
Im Rahmen dieser Kampagne interviewte Ulrike Rehberg die ukrainische Übersetzerin Marta Gosovska während ihres Arbeitsaufenthalts in Looren.
Im Interview erzählt Marta Gosovska zunächst von ihrem Weg zum Übersetzen, von ihrer Arbeit, d.h. ihrem Zugang und ihrer Auswahl der Werke, die sie übersetzt.
Zur Situation des Literaturbetriebs in der Ukraine
Ein Gesprächsschwerpunkt ist die aktuelle Situation des Literaturbetriebs und des literarischen Lebens in der äußerst schwierigen Situation, in der das Land sich derzeit befindet: Da mehr als die Hälfte der Neuerscheinungen Übersetzungen sind, aus überwiegend europäischen Sprachen sowie zunehmend auch aus dem Japanischen durch das wachsende Interesse des jungen Lesepublikums an Manga, gibt es in der Ukraine viele Übersetzende und es werden noch mehr gebraucht! Denn derzeit richtet der internationale Buchmarkt einen speziellen Fokus auf die ukrainische Sprache.
Sichtbarmachung
Und natürlich stellt Ulrike Rehberg die Frage, was ukrainische Verlagshäuser für die Sichtbarmachung von Übersetzer*innen tun: Während man sich andernorts doch damit noch arg schwertut, scheint es in der Ukraine zunehmend üblich zu sein, den Namen der Übersetzerin oder des Übersetzers auf das Buchcover zu setzen. Nachdem die neue Genration von Verlagshäusern der Bedeutung der Übersetzenden, ihrer Rolle im Literaturbetrieb mehr und mehr Raum gegeben hat, ziehen inzwischen auch die etablierten Verlage nach.
Ganz ähnlich wie bei uns im Verlagswesen liebäugeln auch die ukrainischen Verlage mit den Möglichkeiten der KI, zwecks Zeit- und Kostenersparnis. Marta Gosovska ist jedoch überzeugt, dass Literaturübersetzen ein kreativer Akt ist und dass KI nicht in der Lage ist, von einer „Kultur in die andere“ zu übersetzen: Menschliche Übersetzer haben eine eigene Stimme, die sich im Text erkennen, herauslesen lässt. Das fehlt der KI.
Übersetzen in Kriegszeiten…
Während man das Interview liest, scheint das Thema Krieg und die fragile Alltagssituation der Menschen in der Ukraine für den Moment beinahe in den Hintergrund zu rücken, hätte Marta Gosovska nicht zuvor bereits etwas zu ihrer eigenen Arbeit erzählt, zur Auswahl der Bücher, die sie derzeit übersetzt. In Looren ist das gerade „When Hitler Stole Pink Rabbit“ von Judith Kerr. (Deutsch: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl„). Die deutsche Verfilmung (Regie: Caroline Link) war der letzte Film, den sie vor Kriegsausbruch sah.
… und was übersetzen?
Seitdem hat sie keinen anderen Film mehr gesehen und der Stoff hat sie nicht mehr losgelassen. Daher hat sie sich entschieden, diesen Roman von 1971 heute zu übersetzen. In einer Zeit, in der er dem Lesepublikum in ihrem Heimatland thematisch naheliegt. Für sie ist dies das wesentliche Auswahl-Kriterium für die Bücher, die sie übersetzt: Sie sollen den Nerv der Zeit treffen – ihrer Zeit! – und damit die Leserschaft da abholen, wo sie gerade steht, im individuellen sowie auch im sozialen Zusammenhang im Alltag. Und der Alltag in der Ukraine ist seit Jahren geprägt vom Verlust: vom Verlust der Gewissheiten, von Entbehrungen, von persönlicher und sozialer Einsamkeit.
Dieses Interview ist berührend – aufwühlend und zugleich ermutigend: Auch in Zeiten des Verlusts aller Gewissheiten geht das Leben weiter. Und nicht nur das: Die Kultur, hier speziell die Literatur, sucht nach Wegen der Vermittlung, der Identifikation. Und entwickelt sich weiter. Es scheint keinen Stillstand zu geben, trotz allem.
Das Interview wurde auf Englisch geführt und ist zu lesen auf dem Blog des Übersetzerhauses Looren.
B.E.


