Rund um den Hieronymustag, den internationalen Tag der Übersetzung, der jedes Jahr am 30. September gefeiert wird, waren die Übersetzerinnen Marie Alpermann, Friederike Hofert, Maria Meinel und Anne Thomas mit einem bunten Programm in Halle an der Saale drei Wochen lang präsent und rückten das Thema „Literaturübersetzen“ in den Fokus.
hr.fleischer-Kiosk – Basis der Drei-Wochen-Aktion rund ums Literaturübersetzen
Die Gegend um das Reileck in Halle war auch nach der Wende noch von Industrie geprägt. Inzwischen ist es zu einer der angesagtesten Gegenden der Saale-Stadt avanciert: Ein lebendiges und belebtes Wohnviertel mit vielen Lokalen, bleibt es dennoch authentisch und bietet „historische und architektonische Highlights“, so heißt es in den Tourismusinformationen der Stadt.
Genau hier befindet sich auch der hr.fleischer-Kiosk, der ebenfalls eine Transformation vom ehemaligen Zeitungskiosk in einen Ort des kulturellen Schaffens und Austauschs erlebt hat.

©Maria Meinel
Diese Location wurde für die Dauer der Aktion zur Basis, zum Treffpunkt mit dem Publikum und zum temporären Büro für das vierblättrige Übersetzerinnen-Kleeblatt.
Auftakt und Vernissage
Bereits im Vorfeld des Hieronymustag bezogen die vier Übersetzerinnen am 19. September im Lauf des Tages den Kiosk zu einem ersten „Work-In“. Er war für diese Aktion mit einem Banner the translator is present, Plakaten sowie Folien zum WIR-Festival gestaltet worden und sollte für die kommenden Wochen zum „Büro“ der Vier werden. Selbstverständlich lagen auch übersetzte Bücher aus mit den Namen der Übersetzenden versehen.
Um 19h folgte dann mit der Vernissage die offizielle Eröffnung der Veranstaltungsreihe:
Maria Meinel begrüßte zunächst das Publikum und erläuterte das zentrale Anliegen der Aktion: „Die Übersetzer*innen wollen Gesicht zeigen, präsent sein, ihre Übersetzungen vorstellen, aber eben – im Rahmen des WIR-Festivals – auch ein Zeichen setzen für ein buntes, friedliches Miteinander und den Austausch zwischen den Sprachen und Kulturen, und zwar als klare Haltung gegen die in Halle (Saale) geplante Buchmesse rechter Verlage“.
In der nachfolgenden zweiteiligen Lesung stellten die Vier einige ihrer Übersetzungen vor, die thematisch den Geist ihrer Aktion und den des WIR-Festivals, in dessen Rahmen sich auch ihre Initiative einfügte, aufgriffen. Dorothee Leipoldt, selbst auch Übersetzerin, begleitete die Lesung musikalisch. Ein perfekter Abend in lauer Spätsommerluft, der auch spontan Passanten anlockte und einlud, auch nach der Veranstaltung noch zu Gesprächen und Wein zu verweilen. Ein wunderbarer und ermutigender Auftakt für die Initiatorinnen!
Work-Ins
Weitere Work-Ins standen am 22. und 25.September sowie am 2. Oktober auf dem Programm. Es stellte sich allerdings heraus, dass konzentrierte Übersetzungsarbeit im Kiosk kaum möglich war – es lief tatsächlich mehr auf Büroarbeit hinaus und die Vier einigten sich schließlich für Büropräsenz in Schichten. Aber auch die lohnte sich, denn es kamen Freunde, Bekannte, Kolleg*innen sowie interessiertes Publikum zum Gespräch oder Blättern in den Büchern vorbei. Und im Lauf der Aktion gab es schließlich auch ein paar außerplanmäßige Work-Ins.
Workshop, Radio und Doppellesung
Neben den Work-Ins umfasste das Programm auch noch andere Formate: Unter anderem gab Anne Thomas am 26. September einen Übersetzungsworkshop in einer Sekundarschule im Viertel.
Eine neue Erfahrung für die Übersetzerinnen waren zwei Live-Sendungen am Kiosk mit dem Radiosender Radio Corax, einem freien Radio im Raum Halle: Am Sonntag, dem 28. September, sendete Radio Corax live vom Kiosk.

©Friederike Hofert
In der ersten Sendung ging es im Gespräch von Friederike Hofert und Marie Alpermann mit der Lektorin Marianne Eppelt um Recherchen, Arbeit und Austausch im Gemeinschaftsbüro und Herausforderungen am Beispiel der Übersetzungen von Europa in Sepia (Essauys von Dubravka Ugrešić)und Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte (einem Roman von Dulce Chacón).
In der zweiten Sendung sprachen Maria Meinel und Anne Thomas anhand ihrer Übersetzungen Bittere Sonne (Roman von Lilia Hassaine) und Berichtenswert (Gedichtband von Deborah D.E.E.P. Mouton) über Musik und Rhythmus in der Lyrik sowie beim Übersetzen, über Entwurzelung und über das Wandern und Wandeln zwischen den (Sprach-)Welten aus.
Eine Doppellesung gab das Kleeblatt der vier Übersetzerinnen am Hieronymustag in der Buchhandlung des Waisenhauses. Diesmal war die Lektorin Anne Grunwald mit von der Partie. Sie diskutierte im ersten Teil des Abends mit Marie Alpermann und Friederike Hofert über die Möglichkeiten und Grenzen diskriminierungssensibler Sprache sowie die kreativen Kräfte beim gemeinsamen Feilen an Texten. Fazit: Übersetzen muss Handarbeit bleiben.

©Marco Warmuth
Im zweiten Teil nahmen Maria Meinel und Anne Thomas unter dem Tiel Von bitteren Sonnen berichten ihr Thema „Rassismuserfahrungen in der Literatur“, das auch in der Radio Corax-Sendung zentral stand, noch einmal auf: dieses Mal in Form einer szenischen Lesung.
Finissage
Nach knapp drei intensiven Wochen, in denen die vier Übersetzerinnen im Kiosk und unterschiedlichen Locations in Halle präsent waren und Gesicht zeigten, fand zum Abschluss eine Finissage vor dem hr.fleischer-Kiosk statt – mit Gesprächen, Texten und Musik von Dorothee Leipholdt und der Banda Stracciatella.

Ein positives Fazit
Das Ergebnis von viel intensiver Arbeit mit Herzblut: Es hat sich gelohnt! Das Interesse an der Arbeit und den Texten besteht, aus zufälligem Laufpublikum wurde in diesen Wochen immer wieder „Sitz- und Stehpublikum“, das das jeweilige Programmangebot interessiert verfolgte und Gespräche und Austausch suchte.
In Halle an der Saale gibt es das bunte und friedliche Miteinander – ein weltoffenes Publikum, aufgeschlossen auch für die zum Teil durchaus brisanten Themen der Veranstaltungen. Daran ändert auch Seitenwechsel, die Buchmesse der Neuen Rechten nichts, die ausgerechnet in diesen Tagen, am 8. und 9. November 2025, in Halle stattfindet und bereits seit Monaten ihre Schatten vorauswirft und die Gemüter beschäftigt.
Und welche Rolle spielt dabei die Literaturübersetzung? Literatur trägt in sich das Potenzial, Räume zu öffnen, Grenzen zu überqueren, Welten und Kulturen zu erschließen und zu verbinden. Die Übersetzung spielt dabei eine überaus zentrale Rolle, ist Vermittlerin und Botschafterin – ohne sie wäre dieser so wichtige Transfer nicht denkbar.
Weitere aktuelle Informationen und Links zum WIR-Festival und Seitenwechsel gibt es auf dem Portal des MDR.
B.E.


