(C) Kauffmann Studios

An eine Tradition anknüpfen und gleichzeitig in die Zukunft weisen – Fünf Fragen an Patricia Klobusiczky

Nach aufwändigen Umbauarbeiten wird im Europäischen Übersetzerkollegium in den kommenden Wochen der Alltagsbetrieb wieder losgehen: Gäste können allmählich wieder aufgenommen werden und es finden  Seminare statt: Übersetzerinnen und Übersetzer aus der ganzen Welt können hier konzentriert an ihren Projekten arbeiten, sich mit Kolleg*innen austauschen, sich in der niederrheinischen Landschaft entspannen, und sie wohnen während ihres Arbeitsaufenthalts in einem der gemütlichen Zimmer der historischen Gebäude im Zentrum des Städtchens Straelen.

Das Europäische Übersetzerkollegium an der Kuhstraße in Straelen
(C) Barbara Engelmann

Eine Übersetzerin leitet das EÜK

Fast gleichzeitig mit dem Ende der langen Renovierungsphase gibt es eine weitere wichtige Veränderung: Seit dem ersten April hat das EÜK eine neue Geschäftsführung. Zehn Jahre lang führte die promovierte Bibliothekarin Dr. Regina Peeters das Haus und steckte unter anderem viel Herzblut in die Betreuung der einzigartigen Bibliothek des Übersetzerkollegiums. Nun hat seit langem wieder eine Übersetzerin die Leitung übernommen:

Patricia Klobusiczky übersetzte bisher selbst aus dem Französischen und dem Englischen und als Doppelmuttersprachlerin zuweilen auch aus dem Deutschen ins Französische. Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst als Lektorin für Rowohlt, seit 2006 als freie Übersetzerin. In der Welt der Literaturübersetzung ist sie längst eine bekannte Größe. Unter anderem war sie von 2017 bis 2021 erste Vorsitzende des VdÜ und leitete insgesamt viermal das Georges-Arthur-Goldschmidt-Programm für junge Übersetzer. Außerdem  war sie regelmäßig als Dozentin und Moderatorin tätig.

Und sie ist auch Mitglied der Weltlesebühne e.V.: Im Namen aller WLB-Kolleginnen und Kollegen wünschen wir ihr viel Freude und Erfolg bei dieser neuen verantwortungsvollen Aufgabe!

Fünf Fragen

Patricia, wenn man deine Biografie liest, erscheinst du als Städterin: Du kamst in Berlin zur Welt und das kulturell pulsierende Berlin blieb auch dein Wohnort in den vergangenen Jahren. Jetzt hast du gerade eine neue Stelle angenommen. Du bist Geschäftsführerin des Europäischen Übersetzerkollegiums: Berlin und nun das niederrheinisch – ländliche Straelen, ein starker Kontrast. Was hat dich dazu bewogen, diese Stelle im EÜK anzunehmen?

Ich hatte Lust auf eine neue Herausforderung, auf mehr Kommunikation im Alltag – und auch wieder auf Programmarbeit. Es war eine reizvolle Vorstellung, eine Arbeit aufzunehmen, die praktisch alle Erfahrungen bündelt, die ich bisher gewonnen habe, als Büchermacherin, Übersetzerin, Kuratorin, in der Verbandsarbeit, bei der Nachwuchsausbildung.

Du hast Literaturübersetzung an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität studiert. Hast du das EÜK bereits als Studentin kennengelernt? Kannst du etwas über deine eigene Geschichte, deine persönliche Beziehung zum EÜK erzählen?

Oh ja, vor 36 Jahren war ich als LÜ-Studentin das erste Mal im Übersetzer-Kollegium, damals noch geleitet von Klaus Birkenhauer, dem Mitbegründer des Hauses. Er hat mich enorm beeindruckt, mit seiner Persönlichkeit und seinem Wissen. Nie hätte ich vermutet, dass ich seine Nachfolge gewissermaßen zweimal antreten würde: als Vorsitzende des VdÜ und jetzt als Leiterin des EÜK. Wobei Ersteres eine sehr gute Vorbereitung auf Letzteres ist.

Lange nach dem Studium und lange vor Antritt meiner neuen Stelle hier im EÜK habe ich an einem DÜF-Seminar von Christiane Buchner und Frank Heibert teilgenommen und die Atmosphäre sehr genossen, die kurzen Wege, die guten Gespräche – und finde das jetzt alles wieder, auch wenn wir das Haus erst ganz allmählich wieder öffnen und momentan nur ganz wenige Gäste aufnehmen können.

Eine internationale Heimat der Literaturübersetzung im niederrheinischen Straelen

Das Europäische Übersetzerkollegium war das erste Haus dieser Art. Es gibt hier eine riesige Bibliothek, an deren Auf- und Ausbau deine Vorgängerin Regina Peeters maßgeblich beteiligt war. Das EÜK ist eine Art internationale Heimat der Literaturübersetzung und Übersetzender aus der ganzen Welt geworden.

Du bist selbst ebenfalls Literaturübersetzerin, aber arbeitest nicht nur am Schreibtisch. sondern setzt dich aktiv für die Belange unseres Berufsstands ein: u.a. warst du Vorsitzende des VdÜ, hast das deutsch-französische Goldschmidt-Programm für junge Literaturübersetzende geleitet, hast in Jurys gesessen und du moderierst Veranstaltungen zum Thema Literaturübersetzen.

Welche Aufgaben erwarten dich nun in dieser neuen wichtigen Position? Und was hast du dir selbst bereits auf deine Agenda gesetzt?

Die Aufgaben sind vielfältig, sie reichen vom Kaufmännischen bis zum Künstlerischen. Das Haus muss in Schuss gehalten werden, die komplexe Förderstruktur und das Rechnungswesen sind ein Feld für sich, gut 700 Gäste im Jahr willkommen zu heißen, setzt exzellente Organisation voraus, dito die Pflege und Erweiterung der legendären Bibliothek: all das ließe sich ohne das fabelhafte – und viel erfahrenere – Team nicht umsetzen. Was ich mir selbst auf die Agenda gesetzt habe, ist die Vorbereitung eines Jubiläumsprogramms zum 50-jährigen Bestehen des Hauses im Jahr 2028, das in Straelen, aber auch in ganz Nordrhein-Westfalen mit seiner unglaublich dichten und vielseitigen Literaturszene stattfinden soll, am liebsten bundes- und europaweit, je nachdem, was sich finanzieren lässt. Jedenfalls freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit vielen großen und kleinen Partnern, mit dem DÜF, dem VdÜ – der Weltlesebühne! – und natürlich der Kunststiftung NRW, die für das EÜK schon lange eine unschätzbare Rolle spielt.

Deine Übernahme der Leitung des EÜK fällt mit der in Kürze anstehenden Wiedereröffnung des Hauses, nach umfassenden Umbauarbeiten, zusammen. Das zeichnet wohl den Beginn einer neuen Ära: Seit langer Zeit wird das EÜK wieder von einer Übersetzerin geleitet! Kannst du schon sagen, welche Veränderungen, neben den baulichen, es voraussichtlich geben wird?

Das EÜK wurde von zwei Übersetzern gegründet – Elmar Tophoven und Klaus Birkenhauer – und ich hatte ja das Glück, es noch unter der Leitung von Klaus Birkenhauer zu erleben, sodass ich das Gefühl habe, an eine Tradition anzuknüpfen. Gleichzeitig soll dieses wunderbare Haus auch zukunftsfest gemacht werden – und selbst in die Zukunft weisen, jedenfalls in literarisch-übersetzerischer Hinsicht (was wiederum ganz im Geiste beider Gründer wäre). Die bald abgeschlossenen Baumaßnahmen sichern das Gegenständliche, über das Ideelle wird noch zu reden sein. Ideen gibt es zwar zuhauf, aber sie müssen erst abgeklopft, abgestimmt und angepasst werden, im Austausch mit dem Team des EÜK, dem Vorstand des Trägervereins, den Partnerinstitutionen – und unseren babylonisch-toledanischen Gästen.

Und zum Abschluss noch die Frage, die hoffentlich nicht zu neugierig und persönlich ist: Du hast eine sehr umfassende Aufgabe übernommen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wieviel deiner Zeit sie in Anspruch nehmen wird. Aber das Übersetzen von Literatur gehört ja seit Jahrzehnten zu deinen eigenen Leidenschaften. Denkst du, dass es dafür in nächster Zeit noch Raum geben wird? Oder denkst du darüber im Moment noch nicht nach und lässt es gelassen auf dich zukommen?

Zum Übersetzen werde ich die nächsten Jahre nicht kommen, die Geschäftsführung einer solchen Institution setzt vollzeitiges Engagement voraus, aber ich orientiere mich gern an Swetlana Geier, die mit Ende Siebzig zur Hochform aufgelaufen ist, und würde nach meiner Zeit am EÜK gern wieder übersetzen – es gibt keine bessere Tätigkeit, um Geist und Gehirn geschmeidig zu halten.

B.E.